Labo Agen

Bist du Künstler oder Terrorist?

Preise:
Eintritt: 21,00 Euro
Ermäßigung: 16,00 Euro

Deutsch-arabische Konzertlesung mit anschließendem Publikumsgespräch

Mit Walaa Kanaieh((Syrien/Deutschland), Wisam Kanaieh (Syrien / Deutschland), Cornelia Lanz (Deutschland), Christiane Brammer (Deutschland),  Albert Ginthör (Deutschland), Ahmad Shakib Pouya (Afghanistan) und Gernot Wolfram (Deutschland)

 
Karten
 
Immer noch sind tausende Menschen als Flüchtlinge in Europa unterwegs – und damit auf einer Reise, die ihnen zwangsläufig das Etikett des „Fremden“ aufdrückt. Sobald sie Länder wie Deutschland erreichen, müssen sie Formulare ausfüllen, in denen ihr Leben kurzgefasst hineinpassen soll. Eines dieser Formulare trägt den Namen LABO AGEN. Da heißt es: Familienstand? Manche ziehen als Familie los und kommen allein an. Oder es wird nach dem Geburtsort der Mutter gefragt: wo war das nochmal? Es gibt viele kuriose Momente, die zum Lachen, Aufbegehren oder Wütendsein reizen. In Zusammenarbeit mit geflüchteten Kollegen haben der Schrifsteller Gernot Wolfram, die Mezzosopranistin Cornelia Lanz und Hofspielhaus-Intendantin Christiane Brammer als Sprecherin einen Weg gefunden, anders mit diesen Formularen umzugehen. Sie geben echte Antworten. Begegnen den kalten Fragen mit Musik aus Syrien, Deutschland, dem Libanon, mischen Gedanken und Klänge. Sie zeigen, dass das Fremde nicht existiert, wenn Menschen ihre kulturellen Erfahrungen miteinander teilen. Ausschnitte aus Franz Schuberts Winterreise runden den Abend ab, hier jedoch verknüpft mit gänzlich anderen Rhythmen, Bildern und Spuren. 

Der Autor Gernot Wolfram war schon früh mit der Erfahrung des Fremdseins konfrontiert: Nach der Ausreise aus der DDR 1987 lebte er mit seiner Familie zunächst in verschiedenen Aufnahmelagern und Heimen und durchlief einen aufwendigen bürokratischen Registrierungsprozess. Wolfram zu LABO AGEN: „Dies ist kein Flüchtlingsstück, sondern ein Menschenstück. Wir begegnen uns auf der Bühne als Künstler, die sich für ähnliche Erfahrungen interessieren. Das ist hoffentlich weit entfernt von dem Dualismus ‚Fremdenhass – Flüchtlingshilfe-Euphorie‘, den wir im Moment im Land beobachten können. Es ist vielmehr der Versuch, sich künstlerisch zu begegnen, ohne Exotik und wertende Unterschiede.“
 
Cornelia Lanz, Mezzosopran, ist dem Hofspielhaus-Publikum wohl bekannt als Orlowsky in der aktuellen Produktion von Johann Strauss' Die Fledermaus. Die Mitbegründerin von Zuflucht Kultur hat als international gefragte Solistin mit vielen bedeutenden Orchestern zusammengearbeitet, darunter dem Kammerorchester der Münchner Philharmoniker, den Berliner Symphonikern, dem Zürcher Kammerorchester, BandArt oder L'Arpa festante, und mit Dirigenten wie Manfred Honeck, Werner Ehrhardt oder Franz Raml. Außerdem inszeniert Cornelia Lanz immer wieder selbst, zum Beispiel Händels Alcina in New York, Imeneo in Dubai und Janáčeks Die Sache Makropulos in München. Beim Klassiklabel Animato sang sie die Titelrolle in Händels Oper Oreste ein. Zusammen mit Stefan Laux (Piano) spielte sie 2016 ihre Lied-Debüt-CD bei Hänssler ein. Cornelia Lanz erhielt den Bruno-Frey-Preis, den Förderpreis Kultur des Landkreises Biberach sowie den Zonta Kunst und Kultur Award und war Finalistin im Wiener Nico-Dostal Operettenwettbewerb. 

Christiane Brammer studierte Gesang in Augsburg und München. Hineingeboren in eine Schauspielerfamilie, die mit einem eigenen Ensemble um die Welt reiste, ließ sie die Idee nie los, selbst ein Theater zu gründen. Im Jahre 2015 eröffnete Christiane Brammer das Hofspielhaus – das neue Theater im Herzen von München. Bekannt wurde die Theaterintendantin, Regisseurin und Schauspielerin durch ihre Fernsehrollen, unter anderem im Tatort und  in der Serie Die Fallers im SWR. 
 
Ahmad Shakib Pouya aus Afghanistan hat sein Leben lang Musik gespielt. Der studierte Zahnarzt arbeitete in einem französischen Lazarett als Krankenpfleger. Durch seine liberale, pro-westliche Einstellung machte er sich für die Taliban verdächtig und musste fliehen. Nach beinahe sechs Jahren in Deutschland erreichte ihn im Dezember 2016 der Abschiebebescheid, trotz einer festen Stelle in der Flüchtlingsberatung der IG Metall in Frankfurt und seiner Tätigkeit als Gerichtsdolmetscher in sechs Sprachen. Nach der „freiwilligen“ Ausreise im Januar 2017 konnte Pouya dank eines auf Anfang August 2017 befristeten Arbeitsvisums nach Deutschland zurückkehren. Derzeit spielt er im Münchner Theater Schauburg den Ali in George Podts Inszenierung von Rainer Werner Fassbinders Angst essen Seele auf. Pouya wirkte bereits in vielen Musik-und Theaterprojekten mit. In der Zuflucht Kultur-Produktion ZAIDE. EINE FLUCHT. war er in der Hauptrolle des Gomatz zu erleben – seine Geschichte prägte die Produktion. Ab Juli hat er ein Engagement am Staatsheater am Gärtnerplatz. Im September steht er außerdem erneut in einer Zuflucht Kultur-Oper auf der Bühne – Carmen im MUNICH MIXED ARTS (MMA).

Walaa Kanaieh kam vor gut einem Jahr von Syrien nach Deutschland. Sie wuchs mit den Sprachen Französisch und Arabisch auf und spricht sehr gut Englisch. Ihr großes Sprachtalent möchte sie beruflich einsetzen und in einem Studium in Deutschland weiterbilden. Sie traf Cornelia Lanz beim Welcome Café der Münchner Kammerspiele und ist seitdem bei Projekten von Zuflucht Kultur in tragenden Rollen auf der Bühne. Ihre Motivation: Indem sie ihre Geschichte auf der Bühne und in einem freien, friedlichen Land erzählt, lernt sie, besser mit ihrer Vergangenheit umzugehen.

Wisam Kanaieh kam direkt nach ihrem Abitur nach Deutschland, zusammen mit ihrem Vater und ihrer Schwester Walaa. Ihre Mutter floh nach Paris, ihr Bruder nach Brüssel. Sie spricht fließend Arabisch, Französisch und Englisch und liebt andere Sprachen und andere Kulturen. Sie strebt eine Ausbildung zur Erzieherin an. Mit ihrer wunderbaren Stimme tritt sie bei Konzerten von Zuflucht Kultur mit arabischen Solos auf und gibt Workshops in Schulen, Flüchtlingsheimen und Universitäten. Sie betont stets das große Glück, ihre Gedanken in Deutschland frei äußern zu können und appelliert für Frieden, Völkerverständigung und Frauenrechte.

Als Special Guest wird der Geiger Albert Ginthör Pouya und Cornelia Lanz bei einem afghanischen Lied begleiten. Ginthör ist Stimmführer im Orchester des Staatsheaters am Gärtnerplatz und Veranstalter der Münchner Aufführungen der Zuflucht Kultur-Opernproduktion ZAIDE. EINE FLUCHT. Im Januar 2017 reiste er unter Lebensgefahr mit Pouya nach Kabul und vermittelte ihm dort einen Termin bei der deutschen Botschaft. Cornelia Lanz, Albert Ginthör und Pouya freuen sich sehr, dass sie nach dieser schlimmen Zeit nun gemeinsam und in Sicherheit zusammen auf der Bühne stehen können.

Gernot Wolfram, Schriftsteller und Publizist. Zahlreiche Preise für seine literarischen Arbeiten, unter anderem den Walter-Serner-Preis und den Sylter Inselschreiberpreis. Er beschäftigt sich in seinen Romanen, Erzählungen und Essays mit Fremdheitserfahrungen und Wahrnehmungsverschiebungen. Wichtige Werke Der FremdländerSamuels ReiseDas Wüstenhaus, alle veröffentlicht bei der Deutschen Verlags-Anstalt. Zuletzt erschien bei Hentrich&Hentrich der viel beachtete Essayband Der leuchtende Augenblick – Über Menschen und Orte des Lesens. 2014 gründete Wolfram mit Studierenden aus Berlin den Kultur- und Bildungsverein für Flüchtlinge Board of Participation e.V.
 
Text: Gernot Wolfram
Gesang: Cornelia Lanz / Klavier: Elena Arnovskaya
Schauspiel & Gesang: Walaa Kanaieh und Wisam Kanaieh, Syrien
Harmonium: Ahmad Shakib Pouya, Afghanistan
Sprecherin: Christiane Brammer
Special Guest: Albert Ginthör, Violine
Produktion: Zuflucht Kultur e.V.
Mit freundlicher Unterstützung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München

Zurück